Von mir soll sie das haben?

»Meine Mutter solltest du mal interviewen«, sagen mir Freundinnen, als sei ich die Rächerin der enterbten lesbischen Töchter. Und damit nicht genug: Ich soll ihnen endlich eine gute Mutter finden. »Es muss doch Mütter geben, denen es nichts ausmacht, dass ihre Tochter lesbisch ist.« Ich kenne überhaupt keine Mutter, der nicht irgendetwas an ihrer Tochter missfällt. »Jüngere Mütter. Bestimmt.« Vielleicht. »Wir sollten sie aber ein bisschen streuen«, hatten meine beiden Verlegerinnen gesagt und die Mütter gemeint. »In einem bayrischen Dorf ist das anders als in Berlin.« Das? Was das? Eine Tochter aufzuziehen, die still und heimlich unter den Augen der Mutter lesbisch wird? Man sieht ihnen ja nichts an, den Neugeborenen.
»Was ist es denn?«, fragt die Mutter, und die Hebamme antwortet: »Eine kleine Lesbe.« Das wäre die biologische Lösung; sie wäre für manche die einfachste. Zu sehen ist als Erstes der Kopf. Und dann gibt es noch ein schweres Stück Arbeit für Mutter und Kind, bis sie die kleinen Schultern durch die Öffnung der Vagina hinausgedrängt haben. Der Rest kommt wie von selbst, Leib, Genitale, Beine, Füßchen, das rutscht nach.
Warum aber die Tochter lesbisch wird und was die Mutter dazu beigetragen haben mag? Das könnte eine Geschichte haben, die irgendwo beginnt. Vielleicht in der Geschichte der Mutter mit ihrer Mutter und ihrem Vater und ihren Geschwistern. So konsequent weitergedacht ist lesbisch zu werden eine ganz normale Entwicklung, eine von zwei weitverbreiteten Möglichkeiten …

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